Gibt es einen "Haken" bei der Ausbildung? Möchte sie gern machen, aber nun kommen doch Zweifel ...

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bunny_toe
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#1

02.10.2019, 20:16

Liebes Forum,

ich bin seit einigen Monaten in einer kleinen Anwaltskanzlei in Teilzeit beschäftigt, mir gefällt die Arbeit sehr gut.

Zu meinem Hintergrund: Anfang 40, allgemeine Büro-Ausbildung, Studium, danach laaaange arbeitslos gewesen, jetzt eben endlich wieder eine Stelle :huepf !

Nun hat mein Chef mir angeboten, ich könne bei ihm eine Ausbildung machen. Das finde ich schön, ich finde die Arbeit sehr interessant und abwechslungsreich und würde das gern "richtig" lernen. So mein erster Gedanke.

Aber ein bisschen zweifeln tu ich nun doch! Erstens: ich bin nicht mehr so jung, so leicht fällt mir das Lernen nicht mehr. Zweitens: Von der Ausbildungsvergütung könnte ich, zumindest im 1. Jahr, nicht leben. Müsste also voraussichtlich wieder zum Jobcenter und Aufstockung beantragen ... Drittens: Welche Zukunft hat der Beruf? Werden Software und Spracherkennungssysteme, "intelligente" Scanner etc. unsere Arbeit in absehbarer Zeit überflüssig machen? Und viertens, was mich am meisten beschäftigt: Wieso ist der Beruf unbeliebt? Liegt es wirklich "nur" an der Bezahlung? Warum entschließen sich relativ wenig junge Leute, die Ausbildung zu machen? Warum finden Anwaltskanzleien kein Personal?

Ich freue mich über eure Anregungen!
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Geniesserin
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#2

04.10.2019, 08:43

Hallo und herzlich willkommen im Forum.
Schön, dass Du dich für den Beruf interessierst.
Da Du schon seit einigen Monaten in der Kanzlei bist, sollte Dir das Lernen keine Sorgen bereiten. Hast Du im Büro noch Kolleginnen, die Du fragen kannst? Wenn das Klima gut ist, klappt das bestimmt.
Die Vergütung in der Ausbildung ist echt übel. Aber die Aufstockung sollte kein Problem sein, schließlich strebst Du eine weitere Ausbildung an in einem Bereich, in dem derzeit viel gesucht wird.
Zukunft? Hmm, die Glaskugel sagt mir, spezialisieren sollte das Stichwort sein. Scanner und Spracherkennung nehmen uns viel Arbeit ab, aber können nie den Kopf und das Wissen ersetzen. Kein Programm kann eine korrekte Abrechnung ohne korrekte Eingabe machen. Auch die Zwangsvollstreckung beruht viel auf Wissen und zum Teil auf Intuition, was effektiv ist.
Ich weiß nicht, was ihr in Eurem Büro alles für Sachbereiche habt, aber evtl. ist es möglich, sich nach der Ausbildung selbstständig um einen Bereich (Unfallsachen z.B.) zu kümmern und Standardfälle überwiegend alleine zu bearbeiten. Möglichkeiten gibt es da viele, wenn man engagiert ist.
Zu Deiner letzten Frage kann ich mir nur vorstellen, dass der Beruf einfach auch sehr unbekannt ist und nicht klar ist, dass wir neben Telefonaten und am Empfang lächeln auch noch viele andere, wichtige Aufgaben haben. Die Hintergrundarbeit ist wichtig, aber oftmals verkannt. :-(
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#3

04.10.2019, 09:31

Zu Deinen Fragen: Der Beruf wird sich in den nächsten Jahrzehnten weiter verändern, komplett verschwinden wird er in den nächsten 2 - 3 Jahrzehnten wohl eher nicht. Wie Geniesserin bereits schrieb, sehe ich ich auch in der Spezialisierung eine Zukunftsperspektive. Sicherlich werden die technischen Entwicklungen und auch neue gesetzliche Regelungen dazu führen, dass der Bereich Rechtsdienstleistungen zunehmend automatisiert wird. Gerade einfach gelagerte Fälle im Bereich Forderungseinzug, Unfallsachen oder Verbraucherschutz werden zukünftig wohl noch mehr durch Rechtsdienstleister oder Online-Formulare außerhalb der "normalen" Kanzlei oder vom Betroffen selbst bearbeitet werden.
Dass die Ausbildung so unbeliebt ist, hat mehrere Gründe: Das Gehalt ist oft auch nach der Ausbildung mau, wobei es hier kein einheitliches Bild gibt. Je nach Region und Kanzlei gibt es teils extreme Gehaltsunterschiede bei gleicher Qualifikation. Die einzige Weiterbildungsmöglichkeit, die von Kammer und Kanzleien tatsächlich anerkannt wird, ist der Rechts- bzw. Notarfachwirt, was aber nicht heißt, dass diese Weiterbildung auch immer entsprechend vergütet wird. Ein weiteres Problem, das dazu führt, dass der Beruf so unbeliebt ist, hat Geniesserin bereits angesprochen: zu wenige Infos, was man als ReFa/ReNo überhaupt leistet, wobei es auch hier kein einheitliches Bild gibt. Es gibt Kanzleien, die lassen ihre Azubis 3 Jahre lang Akten suchen und Kaffee kochen und andere, die ihre Azubis fordern und fördern.
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#4

04.10.2019, 10:48

Bei der Ausbildung gibt es keinen Haken. Unabhängig davon, dass gute Fachkräfte in unserem Job aktuell Mangelware sind, ist man mit dieser Ausbildung auch in anderen Branchen gern gesehen.

Ich frage mich nur, warum Dein Chef aus einer -scheinbar ausreichend- verdienenden Angestellten eine günstige Auszubildende machen möchte. (Ein Schelm, wer böses dabei denkt.) Er kann Dich ja als Azubi genauso bezahlen wie jetzt. Niemand zwingt ihn, lediglich den Kammersparpreis zu zahlen.
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bunny_toe
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#5

04.10.2019, 19:26

:thx euch allen für eure Antworten!

Geniesserin: Ich habe eine Kollegin, sie hat allerdings gerade erst dort angefangen. Kann also noch nicht so beurteilen, ob ich sie was fragen kann. Die Anwälte beantworten allerdings gerne meine Fragen, sofern Zeit und "Luft" dafür ist.

Es steht übrigens nicht fest, ob ich nach der Ausbildung übernommen werden kann. U. a., weil der Chef bald in den Ruhestand gehen wird. Ja, das kommt bei meinen Bedenken noch dazu, ob mich eine andere Kanzlei überhaupt einstellen würde ... (nach der Ausbildung arbeitslos, das wär mein Albtraum!)

Mrsgoalkeeper: Tja, so kann er schön sparen :pfeif aber wenn ich mir mit der Ausbildung eine gute Zukunftsperspektive erschließen würde, wär das okay für mich.
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#6

07.10.2019, 15:32

Sehe ich ähnlich wie mrsgoalkeeper mit der Bezahlung. Sie können ja wenigstens versuchen, den Chef davon zu überzeugen, das Azubi-Gehalt ihrem eigentlichen Lohn zumindest anzugleichen. Wenn Sie Kollegen/-innen haben, die Ihnen bei allen Sachfragen zur Seite stehen, sollte das Lernen kein Problem darstellen. Wenn das Lernen Freude bereitet, umso besser!
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#7

07.10.2019, 16:52

bunny_toe hat geschrieben:
02.10.2019, 20:16
Nun hat mein Chef mir angeboten, ich könne bei ihm eine Ausbildung machen.
...

Zweitens: Von der Ausbildungsvergütung könnte ich, zumindest im 1. Jahr, nicht leben.
Hat er das denn wirklich so gesagt/gemeint, dass er dann nur noch die Ausbildungsvergütung zahlt?
Eine frühere Kollegin (ReNo) von mir hat, als sie in eine andere Branche (Immobilien) wechselte, auch dort nebenbei eine weitere Ausbildung gemacht, aber das natürlich zu dem vorher ausgehandelten Gehalt. Es ging nur darum, dass sie auch in diesem neuen Bereich ihren "Schein" bekam.
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#8

08.10.2019, 09:26

bunny_toe hat geschrieben:
04.10.2019, 19:26
:thx euch allen für eure Antworten!

Geniesserin: Ich habe eine Kollegin, sie hat allerdings gerade erst dort angefangen. Kann also noch nicht so beurteilen, ob ich sie was fragen kann. Die Anwälte beantworten allerdings gerne meine Fragen, sofern Zeit und "Luft" dafür ist.

Es steht übrigens nicht fest, ob ich nach der Ausbildung übernommen werden kann. U. a., weil der Chef bald in den Ruhestand gehen wird. Ja, das kommt bei meinen Bedenken noch dazu, ob mich eine andere Kanzlei überhaupt einstellen würde ... (nach der Ausbildung arbeitslos, das wär mein Albtraum!)

Mrsgoalkeeper: Tja, so kann er schön sparen :pfeif aber wenn ich mir mit der Ausbildung eine gute Zukunftsperspektive erschließen würde, wär das okay für mich.
Wenn schon die Anwälte hinter Dir stehen, würde ich nicht mehr überlegen.
Auch wenn Du nicht übernommen wirst, ich denke, auch in drei Jahren ist die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften groß, auch wenn es Anfänger sind. Wenn Dir der Job jetzt schon Spaß macht und Du wirklich in die Ausbildung investierst mit viel lernen, ggf. Seminaren o.ä., dann hast Du auch nach der Ausbildung gute Chancen. Ich musste leider schon die Erfahrung machen, dass manche jungen, frisch ausgelernten oftmals kein Interesse haben und auch in der Ausbildung eher nicht aufgepasst haben.
Leben und leben lassen - Irren ist schließlich menschlich
bunny_toe
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#9

09.10.2019, 20:23

Bin immer noch unentschlossen. In den letzten Tagen war echt viel los, ich habe ständig in Hektik gearbeitet und jede Menge Fehler gemacht :panik bin auch nicht sehr multitaskingfähig. Bei mir scheint es so zu sein, dass ich in ruhigen Zeiten und wenn ich eine sichere Struktur um mich herum habe, sehr gut arbeiten kann. Aber wenn es hektisch und chaotisch wird, baue ich viel Mist und gehe mit dem Gefühl nach Hause, nicht wirklich etwas geleistet zu haben.

Der ideale Arbeitsort wäre für mich wohl eine Kanzlei, in der alles sehr strukturiert abläuft und reglementiert wird. Das ist dort, wo ich arbeite, aber eben gerade nicht der Fall, es ist recht wuselig. Als Arbeitnehmerin kann ich mich ganz gut damit arrangieren. Aber in der Ausbildung, wenn ich so viel lernen muss und möchte? Hm.

Es wäre übrigens tatsächlich so, dass ich "nur" die Ausbildungsvergütung bekommen würde. Finanziell würde ich mich also verschlechtern. Ist zwar eine hohe Azubivergütung in diesem Bundesland, aber wenn man eine eigene Wohnung hat, leider doch zu wenig.
Ramona A.
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#10

09.10.2019, 21:18

Ich kann dir nur raten, positiv an die Sache heran zu gehen. Du bist Anfang 40 also jung genug, um was Neues zu wagen. Letztlich sind es ja auch noch einige Jahre bis zur Rente und mit einer Ausbildung hast du in jedem Fall mehr Möglichkeiten.
Lernen musst du doch auch als Arbeitnehmerin, denn Weiterentwicklung wird immer von jedem erwartet. Je mehr du in die Materie einsteigst, um so sicherer wirst du, verstehst bestimmte Arbeitsabläufe besser und die Fehlerquote sinkt. Natürlich musst du dann auch während der Ausbildung Freizeit opfern und dich auch mal am Wochenende hinsetzen und lernen aber dein Chef hätte dir das Angebot sicher nicht gemacht, wenn er nicht überzeugt wäre, dass du das packst. In der Regel ist es doch viel schwieriger, ein Ausbildungsverhältnis zu beenden, als ein normales Arbeitsverhältnis.
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