Literaturtipp: „Der Preis der Freiheit“

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Das eigene Ich im Drogenrausch erforschen, in neue Bewusstseinszustände eintauchen und dann an der Realität scheitern.

So lässt sich kurz das Thema und der Inhalt des neuen Romans  „Das Licht“ von T.C. Boyle zusammenfassen. Wie in einigen seiner anderen Romane nimmt T.C. Boyle auch hier eine real existierende Person der Zeitgeschichte und spinnt daraus einen Roman, der zwischen Fakten und Fiktion pendelt. In diesem Fall entlehnt er eine der Hauptpersonen dem amerikanischen Psychologen Timothy Leary, einem Harvard Professor, der Anfang der Sechziger Jahre die bewusstseinserweiternde Wirkung der noch unbekannten Substanz LSD erprobte.

Leary veranstaltet zu diesem Zweck sogenannte Sessions, an denen Doktoranten, Freunde und zahlungskräftigen Anhängern teilnehmen. Einer der jungen Doktoranten ist Fitz Loney, der mit seiner Frau Joanie mit der Zeit in den exklusiven inneren Kreis der Leary Anhänger aufgenommen wird. Eigentlich sucht Fitz nur die Nähe von Leary, weil er irgendwie Anschluss an die akademischen Kreise in Harvard halten will, um möglichst schnell seine Doktorarbeit zu beenden und vielleicht auch einen Job an der Universität zu ergattern. Denn seine Frau Joanie ernährt ihn und seinen 14-jährigen Sohn Corey durch einen Aushilfsjob in einer Bibliothek.

Fitz und Joanie leben das typische Kleinstadtleben der USA in den frühen sechziger Jahren, das noch tief geprägt ist von den gesellschaftlichen Zwängen und Moralvorstellungen der fünfziger Jahre. Die Hippiekultur steckt noch in den Anfängen. Umso exotischer erscheinen Ihnen die Sessions im Hause von Tim Leary und sie tauchen sehr schnell in die Szene ab. Vor allem Joanie, die ihrem braven Hausfrauendasein zu entfliehen sucht.

Tim Learys Ziel ist es zunächst tatsächlich, mittels LSD nachzuweisen, dass religiöse Ekstasen und göttliche Bewusstseinszustände chemisch erzeugt werden. Jede Religion hätte danach also den Ursprung in der Einnahme von Drogen und nur dadurch könnten religiöse Menschen das Licht sehen, göttliche Erleuchtung erfahren.  Als seine privaten Sessions nicht das gewünschte Ergebnis bringen (niemand sah „Das Licht“), holt er sich eine Gruppe von Theologiestudenten, denen er während eines Karfreitagsgottesdienstes LSD verabreicht.  Es endet natürlich in einem Eklat, den die Universitätsleitung, die seit langen äußerst misstrauisch das Treiben um Leary beobachtet, nutzt, um in einer Institutsversammlung alle weiteren Experimente mit LSD untersagt. Auch die Presse nimmt bereitwillig das Thema auf und berichtet von angeblichen wüsten Drogenorgien in Learys Haus.

Die ganze Gruppe (inkl. deren Kinder) zieht danach in ein altes Hotel in Mexiko, um dort, befreit von allen bürgerlichen Zwängen und weit weg vom Spießertum, mittels LSD-Konsum in ungeahnte  Bereiche ihres Geistes vorzudringen und das Gruppenbewusstsein zu schärfen. Insgesamt zwei Sommer verbringen sie zusammen in dem Haus, bevor auch die mexikanischen Behörden eingreifen und alle des Landes verweisen.

Fitz, Joanie und auch ihr Sohn Corey finden, zurück in den Staaten, nicht richtig in den Alltag zurück. Joanie fällt in ein großes Loch, weil sie sich nicht wieder mit  ihrer Rolle als Hausmütterchen und treusorgende Ehefrau abfinden kann. Da trifft es sich gut, dass Leary eine alleinstehende Villa in Millbrook NY von reichen Anhängern zur Verfügung gestellt bekommt. Die Gruppe lässt erneut alles stehen und liegen und zieht in die Villa. Weiterhin als Forschungsexperiment nach außen betitelt, wird der Drogenkonsum immer höher, das Geld immer weniger und der Zusammenhalt der Gruppen löst sich zunehmend auf.

Am Ende steht die bittere Erkenntnis, das Wesentliche aus den Augen verloren zu haben. Sie sind keine erleuchtete Gemeinschaft aus Brüdern und Schwestern, sondern eher eine wilde Theatergruppe, eine Partygesellschaft. Sie versuchen sich aus den Abhängigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft zu lösen, schaffen sich aber gleichzeitig neue Abhängigkeiten, in denen sie gefangen sind.

T.C. Boyle (Tom Coraghessan Boyle, geboren 1948) hat hier wieder einen für ihn typischen Roman geschrieben. Er zeigt ein Faible für die Außenseiter, die besonderen Charaktere, die aus der Masse hervorstechen, die allerdings auch gerne ziemlich verschroben sind. Diese Außenseiter betrachtet er immer mit einem Augenzwinkern, denn der Humor kommt in Boyles Romanen nie zu kurz. Er ist ein Meister des Skurrilen und der Situationskomik.

Mir gefällt immer ganz besonders, wie tief er in die Tiefe seiner Charaktere vordringt und wie fein und treffend er sie porträtiert. Diesmal dringt er offensichtlich in seine eigene Vergangenheit als Hippie ein. Es gleicht aber eher einer Abrechnung als einer wehmütigen Rückblende. Er schreibt über sich: „Ich hatte schon eine großartige Zeit, wir hatten alle eine großartige Zeit. Musik, Sex, Drogen, das Leben in Kommunen gehörte einfach zur Hippiekultur, und ich habe sie geliebt. Aber ich bin nie von Drogen abhängig geworden. Mit 25 habe ich entschieden, dass ich Kunst machen will. Oder besser: Ich wurde von dem Wunsch gebissen. Da habe ich mit all dem aufgehört und bin erwachsen geworden.“

„Das Licht“ ist kein Roman über Sex, Drugs and Rock´n Roll, sondern vielmehr ein Lehrstück über das Suchen, Nicht-Finden, das Sich-Verirren und das letztendliche Scheitern an der Realität.

T.C. Boyle hat 16 Romane und über 100 Kurzgeschichten geschrieben. Im Oktober erscheint eine neue Kurzgeschichtensammlung „Good Home“ im Deutschen Taschenbuch-Verlag. Wer mehr über den Autor erfahren will, dem empfehle ich dessen Homepage.

TC Boyle Das Licht

Buchausgabe: Hanser Verlag, gebunden, 384 Seiten, 25,00 EUR, 978-3-446-26164-8
E-Book: Hanser Verlag, EPUB, 18,99 EUR, 978-3-446-26285-0
Hörbuch: DHV Der Hörverlag, 1 MP3-CD, 25,00 EUR, 978-3-8445-3245-6