Das menschliche Herz

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Auf Kazuo Ishiguro als Autor wurde ich erst aufmerksam, als er 2017 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Bis dahin waren mir nur seine Romanverfilmungen „Was vom Tage übrigblieb“ (Regie James Ivory, Hauptdarsteller Emma Thompson und Anthony Hopkins) und „Alles, was wir geben mussten“ (Regie Mark Romanek, Hauptdarsteller Keira Knightley und Andrew Garfield) bekannt. Ich bin Ishiguro dann sehr schnell verfallen, weshalb ich mich auch sofort auf seinen neuen Roman „Klara und die Sonne“ stürzte.

Klara ist die Ich-Erzählerin dieses Romans. Klara ist aber kein Mensch, sondern ein sogenannter KF, ein künstlicher Freund, ein Roboter. KFs sind als Begleiter für Kinder in der Phase des Erwachsenwerdens bestimmt. Sie sollen ein immer freundlicher und hilfsbereiter Spielgefährten sein.

Klara steht mit anderen KFs in einem Laden und wartet darauf „adoptiert“, also von einer Familie für deren Kind gekauft zu werden. Sie unterscheidet sich von den anderen KFs. Während Sie als Ausstellungsstück im Schaufenster sitzt, nutzt sie die Zeit, um die Menschen auf der Straße genau zu beobachten. Klara will lernen und möglichst viel über das menschliche Verhalten und die menschlichen Emotionen ergründen, um ein perfekter KF zu werden. Schließlich landet sie bei der zwölfjährigen Josie und deren Mutter. Klara muss sich in diesem Haus mit den dort lebenden Menschen und ihren Aufgaben erst vertraut machen. Erschwert wird diese Aufgabe durch Josies Krankheit und dem oftmals angespannten Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Klara steht eine besondere Bewährungsprobe bevor, als sich die Erkrankung von Josie so verschlimmert, dass sie in Lebensgefahr gerät. Klara will sie unbedingt retten und unternimmt dazu einen verzweifelten Versuch, indem sie die Sonne um Hilfe anfleht. Für KFs durchaus nachvollziehbar, denn sie beziehen ihre Lebensenergie über Solarzellen von der Sonne. Tatsächlich wird Josie geheilt, allerdings mit schlimmen Folgen für Klara.

Die Handlung, so wie ich sie gerade kurz beschrieben habe, klingt vielleicht etwas mager und zu sehr nach Science Fiction, aber der Roman geht weit darüber hinaus. Einerseits darf ich den Lesern natürlich nicht zu viel preisgeben, sonst geht die Spannung verloren. Andererseits lebt dieser Roman von der Person des Robotermädchens Klara. Klara berührt uns mit ihrer Neugier, ihrer Naivität und mit ihrem eifrigen Bestreben, ein Mensch zu sein, bzw. einen Menschen zu imitieren und ihre Rolle in der Familie perfekt auszufüllen. Sie zeigt dabei eine fast herzzerreißende Naivität, denn manche Dinge des menschlichen Wesens bleiben ihr komplett verschlossen.

Die eine grundlegende Frage des Romans ist: Haben Roboter eine Seele? Hat Klara eine Seele? Als Leser bejaht man eindeutig diese Frage, denn Klara hat eine reine, kindliche Seele.

Die zweite Frage: Können Menschen durch Roboter ersetzt werden? Können Maschinen die Liebe, einen so komplexen Aspekt des Menschseins, entschlüsseln? Josies Vater sagt an einer Stelle: „…dass die Wissenschaft inzwischen zweifelsfrei bewiesen hat, dass an meiner Tochter nichts so einmalig ist, dass da nichts ist, was unser modernes Instrumentarium nicht extrahieren, kopieren, transferieren könnte“. Aber ist wirklich jeder Mensch ersetzbar oder hinterlässt nicht doch jeder einzelne einen individuellen Abdruck? Ist das menschliche Herz nicht doch einzigartig?

Kazuo Ishiguro entwirft in seinem Buch eine Gesellschaft, die offenbar ein grundlegendes Vertrauen in die Möglichkeiten der Technik hat. Als Leser erhält man aber immer nur bruchstückhafte Informationen darüber. Erst im Laufe des Romans entwickelt sich ein (allerdings immer noch unvollständiges) Bild dieser neuen, technikgläubigen Gesellschaftsform, in der es offensichtliche Gewinner und Verlierer gibt. Ich würde den Autor als Moralist auf leisen Sohlen bezeichnen. Er überlässt viel der Vorstellungskraft des Lesers und versteckt viele, oftmals irritierende, Andeutungen in scheinbaren Nebensächlichkeiten. Mit seinem Buch „Klara und die Sonne“ gibt er uns auf jeden Fall genug Stoff darüber nachzudenken, wie weit wir unser Leben von der modernen Technik bestimmen lassen wollen und wie weit die Wissenschaft gehen darf. In Zeiten von Alexa, Pepper und Dienstleistungsrobotern aller Art sicher eine drängende Frage.


Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne
Blessing Verlag
Gebunden, 24 €, 978-3-89667-693-1
eBook, 18,99 €, 978-3-641-27443-6
Hörbuch, 24 €, 978-3-8371-5542-6